Miia Toivio

© Sina Lynn Sachse

Miia Toivio, geboren 1974 in Ilmajoki/Finnland, Mitbegründerin des Verlags Poesia, arbeitete als Literaturkritikerin, Kolumnistin, Herausgeberin des Lyrikmagazins Tuli&Savu sowie als CreativeWriting-Lehrerin. Ihr vierter Gedichtband Sukupuutot erschien 2019 und wurde mit dem Nihil InteritPreis für den besten Gedichtband ausgezeichnet. Gedichte von ihr wurden ins Litauische, Estnische, Russische, Italienische und Norwegische übersetzt.

Aufnahme von SprachKunstTrio sprechbohrer

Miia Toivio: Rakas Hupsu
Von Florian Neuner

Das Sprechstück Rakas Hupsu von Miia Toivio ist in sechs Teile gegliedert, dazu kommen eine Einleitung und eine Coda. Lautgedichte sind meist prägnant und kurz. Wo die Bindekraft der Syntax und aus dem Kanon der lyrischen Tradition bekannte formale Schemata verlassen und die Sprache in kleinere Einheiten bis hin zu Lauten zerlegt wird, dort stellt sich die Frage nach Bauprinzipien anders bzw. jedes Mal neu – wie für Komponisten, die heute auch auf keine gesicherte musikalische Syntax mehr zurückgreifen können. In den Sprachkompositionen seit der Ursonate von Schwitters haben sich Gliederungen analog zu musikalischen Sätzen als tragfähig erwiesen. So geht auch Miia Toivio vor, die in ihrem Stück wesentlich beim gesprochenen Finnisch, gebrochen durch die Vermittlungsinstanz der des Finnischen nicht mächtigen phonetischen Stimmen, bleibt und nur an wenigen herausgehobenen Stellen einzelne Laute gleichsam ausmusiziert. Die Autorin bedient sich eines einfachen dreizeiligen Notationsschemas und aus der Musik vetrauter Tempo- und Ausdrucksbezeichnungen wie »Andante«, »Largo«, »mezzo piano«, »espressivo« oder »con fuoco«.

Auszug aus der Partitur Rakas Hupsu von Miia Toivio

In der Einleitung ist ein Gedicht, vorgetragen von Miia Toivio, vom Band zu hören; die sprechbohrer übersprechen die Aufnahme mit der Übersetzung des Textes in der am Aufführungsort gesprochenen Sprache, ehe sie dann für den Rest des Stücks selbst ins Finnische wechseln. Das einleitende Gedicht exponiert das Bild von Mündern als Teil einer (künstlichen) Landschaft und plädiert gewissermaßen für das Primat des gesprochenen Worts: »im Mund schmilzt ein Gedicht schnell« – und bezieht sich damit auch auf den als Gemeinschaftsarbeit mit dem 2019 verstorbenen Marko Niemi entstandenen Band Suut (Münder) aus dem Jahr 2012. Leevi Lehto hat auf die enge Beziehung von Toivios Gedichten »zum Physiologischen und zum Körper« hingewiesen: »Sie scheinen oft aus Organen zusammengesetzt zu sein (…) sie greifen immer nach etwas anderem (einer neuen Position, einem anderen Organ, einem anderer Körper: was allgemein als ›Begehren‹ bekannt ist).« Das Publikum wird je nach Sprachkenntnissen in der Lage sein, dem finnischen Text zu folgen oder sich aber auf die lautlich-gestischen Qualitäten konzentrieren.