Eduard Escoffet

© Natalia Reich


Eduard Escoffet wurde 1979 in Poblet, Barcelona, geboren und ist ein katalanischer Lyriker mit Schwerpunkt im Bereich der Lautpoesie und Performance. Als Vertreter einer jungen katalanischen Dichtung entwickelt und verbindet er Formen textueller, visueller, auditiver und performativer Poesie. Dabei arbeitet er mit Stimme, Computer, Audioaufnahmen und Projektionen. Escoffet war Gast auf Poesiefestivals in aller Welt, neben zahlreichen europäischen Ländern u. a. in Chile, China, der Dominikanischen Republik, den USA, Nicaragua, Brasilien, Ecuador, Argentinien und Mexiko. Als Veranstalter hat er u.a. das angesehene Festival für experimentelle Literatur PROPOSTA initiiert und ist seinerseits Gast auf zahlreichen internationalen Treffen. Zuletzt erschien 2017 seine Gedichtsammlung Menys i tot.

Eduard Escoffet: Ode to the Walking Class
Von Florian Neuner

Die Partitur von Eduard Escoffets Ode to the Walking Class ist klar strukturiert, enthält aber auch Abschnitte mit graphischer Notation, die den Interpreten größere Freiheiten einräumen. Vorherrschend ist in dem fünfteiligen Stück das Englische, es gibt aber auch deutsche, italienische und französische Passagen; das Katalanische ist nur in Überschriften in der Partitur und an einer exponierten Stelle präsent. Mit der »Walking Class« nimmt Escoffet Bezug auf Flucht- und Migrationsbewegungen, die ja häufig als Fußwege zurückgelegt werden. Im ersten Abschnitt werden zunächst Wanderungen durch Amerika angedeutet (»I’ve been walking through Venezuela, Colombia, Ecuador«), worauf ein agitatorischer Abschnitt – »wie eine Demonstration« – mit der Parole »Save the Walking Class« folgt. Der Autor nennt in der Partitur Åke Hodells Where is Eldrige Cleaver? als Vorbild – ein Stück, mit dem der schwedische Lautpoet 1969 auf das Verschwinden des Schriftstellers und Black-Panther-Aktivisten reagierte. Zu den live zu hörenden phonetischen Stimmen der sprechbohrer treten Aufnahmen, die das Ensemble mit Cassettenrekordern gemacht hat und auf der Bühne abspielt: Laut-Improvisationen, die auf graphischen Notationen Escoffets basieren.

Auszug aus der Partitur Ode to the Walking Class von Eduard Escoffet

Dazu kommen litaneiartige Aufzählungen von südamerikanischen Ortsnamen und Entfernungen, der Langsamkeit der Fußgänger werden andere Geschwindigkeiten gegenübergestellt (»die geschwindigkeit des kapitals«). Escoffet stellt den Listen von Orts- und Eigennamen asemantische Lautmusik gegenüber, die graphisch notiert und expressiv aufgeladen ist; in der Partitur stehen Vortragsanweisungen wie »starts phonetic sounds, painful, high« und »keeps doing wild sounds, almost to the limit«. Zu Beginn des 4. Abschnitts werden schließlich die beiden katalanischen Worte »son« (Schlaf) und »fam« (Hunger) einander kontrastiert, durch ihre Wiederholung entsteht ein gehender Rhythmus. Am Ende ist noch einmal in energischem Unisono der Ausruf »Save the Walking Class« zu hören. In einem für das Berliner Poesiefestival geschriebenen Essay hat Eduard Escoffet einmal seinen ästhetischen Standpunkt so formuliert: »Ich war schon immer der Meinung, dass man keine Revolution hinbekommt oder keinen Bruch vollziehen kann, solange man Gegebenes nachahmt oder klingt wie alle Welt.« Man kann das auch als Plädoyer lesen für eine literarische Konventionen und Gattungsgrenzen hinter sich lassende Sprachmusik.